Ein Gespräch mit Mario Diaz Suarez zum 70. Geburtstag

 

An einem kalten, trüben Dezembertag suche ich Mario Diaz Suarez in seinem Atelier in der Engelstraße in Trier auf. Ein Haus voller Farben erwartet mich und bringt Licht in den düsteren Tag. Drei Etagen voller Bilder zeugen von einem unbändigen Schaffensdrang. Seit fast 60 Jahren widmet Mario Diaz Suarez sich der Malerei. In seinem Atelier steht mittig eine Art Küchenblock mit einer verkrusteten Farbpalette. Von hier aus kann er parallel an zwei Leinwänden arbeiten. Während andere sich in seinem Alter längst zur Ruhe gesetzt haben, geht Mario Diaz Suarez täglich in sein Atelier. Schnell wird klar, Malen ist für ihn ein elementares Grundbedürfnis.

 

Herr Diaz Suarez, Sie sind 1940 in Tucuman, Argentinien, geboren. Wie müssen wir uns ein Leben dort vorstellen?

Tucuman ist eine Millionenstadt, ca. 1300 km von Buenos Aires entfernt. Sie liegt am Fuße der Anden und ist geprägt vom Zuckerrohranbau, der viele Familien sehr reich gemacht hat. Ich hatte eine privilegierte Kindheit in einem Ingenieurhaushalt mit Personal, Theater- und Konzertbesuchen. Sie müssen sich Tucuman als eine lebendige Großstadt vorstellen mit Universität und allem was dazu gehört. Dennoch gibt es eine gewisse Begrenztheit der Möglichkeiten, schließlich liegt die Stadt mitten in einem riesigen Land, weit weg vom Meer und der Hauptstadt.

 

Würden Sie sagen, dass sich ihre Kindheit in Südamerika deutlich von der einer heutigen in Deutschland unterscheidet, Sie haben ja selbst eine Tochter, die gerade ihre Schulzeit beendet?

Nein, eigentlich nicht. Meine Geschwister und ich hatten eigentlich alle Möglichkeiten, die Kinder heute in Deutschland auch haben. Sie stammen nicht aus einem Künstlerhaushalt. Wie sind Sie zu Kunst gekommen, wer hat Sie gefördert?

Das war nicht ganz einfach. Meine Mutter hat schon früh mein Zeichentalent erkannt und mir einen Fernkurs im Zeichnen geschenkt. Meine Blätter wurden mit der Post nach Buenos Aires geschickt und dort in der Schule von Hugo Pratt, einem bekannten Comiczeichner, korrigiert und wieder zurückgeschickt. Mit dreizehn Jahren durfte ich dann die Fachschule für künstlerisches Gestalten besuchen, die „Escuela de Bellas Artes". Dort machte ich das Fachabitur, mit dem ich die Universität in Tucuman besuchen konnte. Mein Vater war von diesem Weg nicht begeistert, also belegte ich Kurse im technischen Zeichnen, um meinen Broterwerb zu sichern.

 

Wie sah die Ausbildung im „Departamento de Artes" der Universität Tucuman Anfang der 60er Jahre aus?

Ich gehörte zur letzten Generation von Studenten, die dort noch eine klassisch akademische Ausbildung genossen, bevor es auch dort zu einem Umbruch kam. Wir durchliefen alle künstlerischen Gattungen, Zeichnung, Malerei, Bildhauerei und Kunstgeschichte. Schließlich entschied ich mich für die Malerei.

 

Wie gestaltete dich Ihre Zukunft nach Beendigung des Studiums?

Zunächst habe ich versucht ein bisschen Geld zu verdienen mit dem Malen von Bühnenbildern und Schildern für einen Getränkehersteller. Bald schon habe ich mich aber mit einem Empfehlungsschreiben des Direktors des „Departamentos de Artes" auf eine langjährige Reise durch Süd- und Mittelamerika gemacht.

 

Wovon haben Sie diese Reise finanziert, wovon haben Sie gelebt?

Ich hatte im Reisegepäck eine kleine fotografische Ausrüstung und Zeichenmaterial. Alles was ich gesehen und erlebt habe, habe ich fotografisch oder zeichnerisch dokumentiert und festgehalten. Das Empfehlungsschreiben öffnete mir die Türen für alle möglichen Institutionen bei denen ich Diavorträge hielt oder Ausstellungen mit meinen Zeichnungen machte. Für die stimmungsvolle Untermalung der Diavorträge habe ich sogar Musik aufgenommen. Die Tonbänder habe ich noch heute.

 

Sind noch Arbeiten aus dieser Zeit erhalten?

Vieles habe ich damals zum Glück verkauft und habe dadurch meine Reisen fortsetzen können. Einiges habe ich zu meiner Mutter nach Hause geschickt, wo es leider einem Brand zum Opfer gefallen ist.

 

Wenn man Ihre Vita liest, scheint es, als ob das Unterwegssein für Sie eine große Bedeutung hat. Kam für Sie eine Rückkehr nach Argentinien und Tucuman nie in Frage?

Nein, eine Rückkehr war für mich nicht mehr vorstellbar. Ich bin damals aufgebrochen, weil ich in gewisser Weise genug hatte, das Gefühl hatte, alles erreicht zu haben, was in diesem Land möglich ist. Die Situation, aus der ich kam, die etablierte Gesellschaft, die vom Militär, Kirche und Politik beherrscht wurde, hatte sich ja nicht in meiner Abwesenheit verändert, eher verschlechtert. Für mich war das Reisen eine Zeit der Suche.

 

Würden Sie sagen, dass diese Suche nun abgeschlossen ist?

Nein, ich bin immer noch neugierig. Wir reisen viel, auch in meine Heimat. Nach der Wende hätte ich nur sogar vorstellen können, nach Berlin zu ziehen. Doch wir bekamen Nachwuchs und das war erst Mal Veränderung genug gewesen.

 

Nach einem, kurzen Arbeitsaufenthalt in New York kamen Sie 1968 nach Paris. Hier fanden Sie für zehn Jahre eine Heimat -  auch eine künstlerische?

Ja, unbedingt. In New York fühlte ich mich nicht richtig aufgehoben und Paris war damals das Zentrum der Kunst in Europa. Erstmals konnte ich viele Arbeiten der klassischen Moderne und der Kunstgeschichte überhaupt im Original und vor allem in Farbe sehen! Es gab zu meiner Studienzeit ja nur Schwarz-Weiß-Abbildungen.

 

Gab es etwas was Sie besonders beeindruckte?

Ich habe alles wie ein Schwamm aufgesogen. Ich bin durch die Museen, Kirchen und Schlösser gelaufen und konnte nicht genug bekommen. Notre-Dame, erinnere ich mich, war damals noch ganz schwarz.

 

Was hielt Sie da lange in Paris fest?

Hier traf sich die ganze Welt. Es war eine sehr lebendige, politisch hoch explosive Zeit.  Komischer Weise war auch Lateinamerika in Paris sehr präsent. Viele argentinische Künstler, die wie ich ihr Land verlassen hatten, traf ich hier wieder. Zu vielen habe noch Kontakt. Ich hatte also eine Art Ersatzfamilie um mich herum.

 

Viele Argentinier sind eher im Ausland bekannt als in ihrem eigenen Land. Woran liegt das ?

Es gibt ja nicht den Argentinier. Wir sind ein Volk, das aus verschiedenen europäischen Ländern kommt. In Argentinien mischen sich Schweizer, Franzosen, Italiener, Spanier. Insofern sind viele Argentinier auf Europa bezogen geblieben und haben dort Karriere gemacht, z.B. der Schriftsteller Julio Cortàzar, den ich in Paris häufig traf oder Astor Piazolla.

 

In Paris gründeten Sie die Künstlergruppe „Sakrac". Was bedeutete der Name?

Ganz einfach: „es kracht". Wir waren damals schon an Umweltthemen interessiert und thematisierten Konsum und Zerstörung auch in unseren Arbeiten. Wir hielten Symposien ab und begleiteten diese auch künstlerisch und dokumentarisch. Wir gaben sogar ein „Ökologisches Manifest" heraus

 

Was prägte damals Ihren Malstil?

Ich arbeitete meist großformatig. Rahmen und Bildträger baute ich selbst. Meine Malerei war damals sehr flächig angelegt und noch stark von der Pop Art beeinflusst. Sie lebte von klaren Farben, Kontrasten und starken Flächenbegrenzungen. Zum Teil collagierte ich kleine Zeichnungen in die Malerei hinein. Aber nach und nach interessierte mich die malerische Auflösung der Flächen und der malerische Prozess an sich. Die politischen Themen rückten immer mehr in den Hintergrund.

 

Wie und wann kamen Sie dann nach Deutschland?

Über Hans Dahlem, einen Künstlerfreund in Paris, der aus Saarbrücken stammte und mich dort  in der Galerie Elitzer für eine Ausstellung empfahl. Das war 1972. Deutschland war für uns Argentinier, was die bildende Kunst angeht,  ein Niemandsland. Mit Deutschland verband ich Musik und technisches Know-how, also war ich positiv überrascht und neugierig geworden. Dann bot sich mir die Möglichkeit in Luxemburg als Dozent für Siebdruck an der Sommerakademie zu arbeiten. Dort lernte ich Mathilde Roller, kennen und mein Schicksal nahm seinen Lauf.

 

Und wann und wie kamen Sie nach Trier?

1976 gründete ich zusammen mit anderen nach dem Luxemburger Vorbild eine Sommerakademie in Trier. Heute die Europäische

Akademie für Bildende Kunst. Diese Gründung und die Bindung zu Mathilde war Motivation genug, mich in Trier 1977 niederzulassen. Die Arbeit als Dozent bot auch ein finanzielles Standbein.

 

Mit dem Ortswechsel ist ein enormer Stilwandel in ihrer Malerei verbunden. Sehen Sie das auch so?

Reim formal sicherlich, aber gedanklich habe ich mich immer mit meiner Umwelt auseinandergesetzt und daher war es für mich kein

Bruch, sondern ein Weiterführen meiner bisherigen Arbeit, nur das ich mich jetzt konsequent auf die Landschaft konzentrierte.

 

Fehlte Ihnen nicht die Großstadt Paris?

Sicherlich, nach Paris kam mir Trier wie ein Eifeldorf vor. Wenn mir die Decke auf den Kopf fiel, bin ich einfach mal nach Brüssel, Paris oder Luxemburg zum Kaffeetrinken gefahren. Distanzen spielen für mich als Argentinier keine Rolle. Was sind schon ein paar hundert Kilometer gegen tausend? Außerdem ist Trier ebenfalls eine lebendige, multikulturelle Stadt. An jeder Ecke hört man jemanden französisch oder luxemburgisch sprechen. Dazu kam, dass die Pariser Galerien, die meine Pop-Art-Bilder vertraten, kein Interesse an meinen neuen Arbeiten zeigten. Auch dies war ein Grund, sich neu zu orientieren.

 

Seit gut 30 Jahren widmen Sie sich ausschließlich der Landschaftsmalerei. Was fesselt Sie so an diesem Thema?

Die großen weiten Landschaften Südamerikas haben mein Leben und meine Sehweise geprägt. Als ich nach Europa kam, war ich sehr  erstaunt, wie kleinteilig und gestaltet die Landschaft hier ist. Das Verhältnis von Mensch und Natur ist hier ein völlig anderes als in Südamerika. Hier ist alles geordnet, es gibt keine Wildnis. Diese beiden Gegensätze spiegeln auch meine Bilder wider. Einerseits sind sie von mir gestaltet, andererseits entwickeln sich die Bildräume allein aus den scheinbar ungeordneten Farbflecken heraus. Mal sind sie gegenständlicher, mal abstrakter, aber immer sind es nur ideelle, imaginäre Vorstellungen von Landschaft, die dem Betrachter größtmögliche Freiheit lassen sollen.

 

Arbeiten Sie nach Vorlagen, Fotos oder direkt in der Natur?

Nein, das direkte Abbilden der Natur interessiert mich nicht. Sicherlich inspirieren mich meine Reisen. So kommt es vor, dass ich eine norddeutsche Seelandschaft mit einem Himmel aus der Normandie kombiniere. Alle Arbeiten entstehen in meinem Atelier und nur aus meinem Kopf heraus. Meine Bilder entstehen beim Arbeiten, Punkt für Punkt, Strich für Strich. Sie sind vor allem Ausdruck von Stimmungen und Erinnerungen.

 

Verstehen Sie Ihre Arbeiten als reine Malerei oder sind sie Metaphern für etwas anderes?

Inhaltlich halte ich meine Bilder gerne offen und gebe ihnen bewusst keine Titel. Bei jedem wecken meine Bilder andere Assoziationen und das ist auch gut so. Primär geht es mir um die unterschiedlichen Wirkungen, die ich allein durch den differenzierten Einsatz Farbe erreichen kann.

 

Wie schaffen Sie es, Ihre Farben so extrem zum Leuchten zu bringen?

Ich arbeite mit dunklen Grundierungen. Das verschafft den Farben mehr Tiefe und Leuchtkraft. Die Impressionisten, mit den ich oft wegen meines pointillistischen Farbauftrags verglichen werde, arbeiteten hellem Grund und von hell nach dunkel. Ich kehre diese Malweise genau um, indem ich von dunkel nach hell arbeite und so den Eigenwert meiner Farben hervorhebe und sie zum Glühen bringe. Auch geht es mir nicht wie den Impressionisten, in erste Linie um das Sujet, sondern mir dient die Landschaft quasi als Hülle, um mich mit Malerei zu beschäftigen.

 

Seit ein paar Jahren zeigen Ihre Arbeiten geometrische Rahmenkonstruktionen und Körper, die Landschaft aufnehmen. Was steckt hinter dieser Veränderung?

Zum einen ist sie Ausdruck von dem zunehmenden Eingriff des Menschen in die Natur, zum anderen interessieren mich die optischen Effekte, die ich damit erzielen kann. Schon in meinen reinen Landschaftsbildern ging es um die Illusion von Räumlichkeit, die ich versuchte mit Farbe herzustellen. Die geometrischen Strukturen und Körper steigern die Wahrnehmung von Räumlichkeit noch.

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Ihre jüngsten Bilder nehmen an Vitalität und Lebendigkeit zu. Die Farben und der Pinselstrich werden immer expressiver. An Aufhören scheinen Sie nicht zu denken?

Nein, ich habe immer gemalt und werde das auch weiter tun, bis es nicht mehr geht. Ich gehe in mein Atelier, wie andere zur Arbeit. Zurückgehen mag ich nicht, ich blicke lieber nach vorne. Mein Leben lang habe ich gegen den Trend gemalt und nur das gemacht,

von dem ich überzeugt war, was ich gerne gemacht habe, und so soll es auch bleiben.

 

Vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche Ihnen alles Gute zum 70. Geburtstag und noch eine lange, erfolgreiche Schaffenszeit.

 

 

Dr. Gabriele Rasch

Kunsthistorikerin, Mainz